2017 / 16 July

Wir waren immer schon Migranten


Als wir Kinder waren, wurde uns der schulische Lehrstoff als Wahrheit verkauft. Das, was wir lernten, war scheinbar unverrückbar. Tja, wenige Jahre – 2017! – später stellt sich heraus, der moderne Mensch ist zumindest 100.000 Jahre älter als gedacht, wir hatten Sex mit Neanderthalern, die Vermischung mit den neu entdeckten Denisovans verhalf den Tibetern zu einer verbesserten Anpassung an extreme Höhen und vor 118.000 Jahren waren schon Menschen auf Sulawesi (gelernt hatten wir, dass da alle unsere Vorfahren noch in Afrika waren).

“The past is not the comfortable world that I grew up with in Time-Life books from the 1970s. It is strange and new, and changing. We must keep exploring for more.” John Hawks

Schon länger fasziniert mich die Frage, woher wir kommen. Auch weil die Menschheitsgeschichte so viel zu aktuellen Fragen wie Migration beizutragen hat und zeigt ,wie ähnlich und doch wunderbar divers wir sind. Schließlich zeigt die Wissenschaft, wir waren immer schon Migranten.

Mit elf wollte ich Ägyptologin werden, in den Sommern bei meiner Oma im Waldviertel las ich „Götter, Gräber und Gelehrte“ über die Königreiche am Nil. Ich war fasziniert. Und nach ein paar Sommern meinte ich zu wissen, da wäre doch alles entdeckt. Das war das Ende meines Berufswunsches. Heute weiß ich, auch diese Geschichte ist nicht so linear und vieles, von dem wir glaubten, es zu verstehen ist, viel komplexer als gedacht….

Aber die Faszination ist gelieben und im letzten Jahr war plötzlich wieder Platz in meinem Kopf für das Kindheitshobby – wer sind wer und woher kommen wir?

Denisova Menschen, Dmanisi in Georgien, Homo Naledi… und Schädelfunde aus Jebel Irhoud, die uns modernen Menschen noch viel älter (300.000+ Jahre!) machen als gedacht. Ganz aktuelle Entdeckungen der letzten Jahre, die Theorien von der Evolution in ein ganz neues Licht rücken.

Ich erzähle immer wieder von meinem Interesse und weil es doch eine recht komplexe Sache ist, hier ein “best of” meiner Lektüre und Podcasts, die ich mir anhöre, um zu verstehen. Keine Sorge, nichts davon ist unverständlich wissenschaftlich. Ich bin ja auch nur eine Hobby-Interessierte. Und übrigens, wir sind alle nur Sternenstaub – “Earth had a rocky start”

Begonnen hat meine Obsession mit einem Kurzbesuch im British Museum, wo mich ein Ausstellungskatalog über eiszeitliche Kunst magisch anzog. 30.000 Jahre alte wilde Tiere (Löwenmenschen, schwimmende Rentiere, das erste bekannte Porträt der Welt 26.000 Jahre alt…) – alles geschnitzt in Mammutzähne. Wer waren diese Künstler wohl? Wie ähnlich waren sie uns? Dazu passte dann die poetische Reise von Werner Herzog ins Innere der Chauvet Höhle mit ihren fantastischen Malereien: Pferde. Jagende Menschen. Handabdrücke. Immer wieder Handabdrücke.

Und so wollte ich mehr darüber erfahren, woher wir kommen wir. Wie haben wir uns entwickelt? Wie sind wir gewandert? Diese großartigen TV-Dokus – noch immer nachzusehen in der Servus Mediathek und auf PBS Nova sind der beste Einstieg. Gefolgt von der PBS First Peoples Serie, die die Wanderung des modernen Menschen in starken Bildern verdeutlicht.

Und dann gibt es diese faszinierenden Entdeckungen, die zeigen, wozu schon unsere frühen Vorfahren vor 1,9 Millionen Jahren fähig waren, 5000km von Afrika nach Georgien zu überwinden zum Beispiel. Siehe diese Funde des Homo Dmanisi in Georgien oder Funde von Homo Erectus im noch viel, viel weiter entfernten und vor allem durch ein Meer getrennten Indonesien.

Wirklich hörenswert sind die Podcasts der Leakey Foundation, besonders jener, der erklärt, warum laufen zu den wesentlichsten Jagdtechniken der frühen Menschen zählte (nicht schneller als das gejagte Tier, sondern mit Ausdauer zum Kollaps gebracht!) und daher physiologisch besonders wichtig für uns Menschen ist (wer – so wie ich – doch noch Argumente braucht, warum regelmässiges Laufen eine gute Idee ist, der wird dann vielleicht von diesem Podcast zur Entstehung und Regulierung von Emotionen überzeugt, aber das ist nur ein kleiner Exkurs zu einem anderen Thema, das mich ebenso fasziniert).

Aktuellste Entdeckungen der letzten Monate reflektiert John Hawks in diesem Blogbeitrag. Den sollte man aber erst lesen, wenn man mal einen Überblick hat.

Und dann noch ein paar Hinweise zu dem was danach kam, unter anderem die faszinierenden Erkenntnisse zur Entwicklung der Landwirtschaft aus den Ausgrabungen des ältesten Tempels der Welt (11.500 Jahre, Pyramiden quasi nichts dagegen!) im türkischen Göbekli Tepe. Denn, so zeigen uns diese Funde, – Landwirtschaft kam nicht *vor* dem Sesshaftsein und dann die Religion, sondern wir hatten komplexe Glaubenssysteme und wurden erst sesshafte Bauern mit komplexer sozialer Struktur um für die Ausübung der Religion und dem Bau von Tempeln ausreichend Überschüsse zu erwirtschaften.

PS: Und obwohl es scheinbar gar nicht dazu passt, diese Doku über Oktopusse darf man nicht versäumen, und setzt alles oben Gelesene, Gesehene und Gehörte schön in Perspektive. Aber Achtung! – Oktopusse essen, wirst du danach nicht mehr.

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